Wider Willen zum Held erklärt

Ununterbrochen auf Empfang: Hubert Schilles und seine Brüder gelten als „hart, aber herzlich“. (c) Manfred Lang/pp/Agentur ProfiPress
Datum:
Mo. 26. Juli 2021
Von:
Agnes Peters

Hubert Schilles (67) aus Floisdorf legte den verstopften Grundablass der Steinbachtalsperre mit seinem Bagger wieder frei und rettete Tausende, deren Existenz bedroht war

Mit Todesverachtung in den Einsatz ging Unternehmer Hubert Schilles (67) aus Floisdorf, um den Menschen zu helfen, deren Leben und Existenz von einem möglichen Bruch der Steinbachtalsperre gefährdet war. (c) Manfred Lang/pp/Agentur ProfiPress

Wider Willen zum Held erklärt

Hubert Schilles (67) aus Floisdorf legte den verstopften Grundablass der Steinbachtalsperre mit seinem Bagger wieder frei und rettete Tausende, deren Existenz bedroht war – Dem „Bürgerbrief“ schildert der Landwirt und Bauunternehmer, wie er zu seiner tiefen Religiosität kam 

Mechernich-Floisdorf – Hubert Schilles (67) ist ein tief religiöser Mann. Und er machte auch keinen Hehl aus seinem Glauben, als er jetzt mit seinem Bagger den Grundablass der hochwasserbedingt überschwappenden Steinbachtalsperre bei Euskirchen-Kirchheim freilegte.

Innenminister Horst Seehofer und Ministerpräsident Armin Laschet erklärten den Mechernicher zum Vorbild, die Medien zum Helden. Doch der Floisdorfer bleibt bescheiden: „Das hätte jeder andere auch getan…“

Hubert Schilles zeigte vor laufenden Fernsehkameras seinen Rosenkranz, den er immer bei sich trägt. Der Chef von 57 Mitarbeitern einer Bauunternehmung, die Hubert zusammen mit seinem Zwillingsbruder Peter betreibt, wollte keinen seiner Leute in einen lebensgefährlichen Einsatz schicken.

„Ich habe mich zweimal gesegnet und bin runtergefahren“, sagte er im Fernsehen. Mit Todesverachtung, denn wenn der Staudamm gebrochen wäre, wovor alle Verantwortlichen pausenlos warnten, dann hätte es den Floisdorfer Landwirt und Unternehmer mitsamt seinem schweren Arbeitsgerät fortgerissen. „Ich hatte keinen Augenblick Angst“, so Hubert Schilles zur Deutschen Presseagentur (dpa).

„Beten musste ich nicht lernen, beten konnte ich schon, als ich vor 2012 Stammzellen meines Zwillingsbruders Peter gespendet bekam“, sagte Hubert Schilles dem Mechernicher „Bürgerbrief“. 13 Monate gaben ihm die Ärzte damals noch zu leben – neun Jahre sind inzwischen daraus geworden. Und hoffentlich kommen noch viele dazu, wünschen ihm seit der Überschwemmungskatastrophe 2021 noch ein paar Tausend Menschen mehr als vorher.

 


14-jährig nach Lourdes

Hubert Schilles kam bereits als 14-Jähriger durch eine Lourdes-Wallfahrt zu seiner tief-katholischen Überzeugung, die freilich schon vorher bei dem Jungen aus einer überzeugt katholischen Bauernfamilie angelegt war. „Ich wollte gerne mit Pfarrer Heinz Jumpertz und den anderen zum Marienheiligtum pilgern, aber unser Vater Anton lag krank und ich hatte kein Geld“, erinnert sich Hubert Schilles.

Da habe ihn eine Nachbarin, die krank geworden war und selbst nicht mitwallfahren konnte, auf ihre Kosten reisen lassen. Dort habe es gefunkt. 1989 wurde er Matthiaspilger – und nimmt seither mit der Bruderschaft Bürvenich-Oedekoven den beschwerlichen Fußweg nach Trier zum Grab des Heiligen Apostels Matthias auf sich.

Hubert Schilles hat drei Kinder, die alle im gemeinsamen Baubetrieb mitarbeiten – und vier Enkel. „Geht nicht, gibt’s nicht“ ist seine Devise im Betrieb. Seine Mitarbeiter schätzen die verbindliche Art von Hubert und seinen Brüdern. Sie verlangen nicht, was sie nicht auch selbst tun würden, und firmieren im weiten Kreis ihrer Bekannten und Bewunderer als „hart, aber herzlich“.

„Wenn die Wand fliegen gegangen wäre, wäre das hundertprozentig der sichere Tod gewesen“, titelte der „Stern“. Im dpa-Interview sagte der Bauer und Bauunternehmer aus der Stadt Mechernich: „Das war schon eine brisante Situation. Aber ich hatte keine Angst, weil dahinter stand ja was Großes. Nämlich, dass kein Mensch zu Schaden kommt…“

Er halte sein Handeln daher für selbstverständlich. „Man soll nicht die Brust rausdrücken. Ich bin eher der, der im Hintergrund arbeitet“, sagte der 67-Jährige. Er und sein Team aus 57 Beschäftigten seien auch nun weiter mit Aufräumarbeiten nach der Katastrophe befasst. Zurzeit fahre er immer wieder Sondermüll zur Deponie. „Kostenlos natürlich, das ist für mich Ehrensache.“

pp/Agentur ProfiPress